Raúl Krauthausen: Statt Dachdecker ein Aktivist für Inklusion

Foto: Buch von Raúl Krauthausen "Dachdecker wollte ich eh nicht werden"
Copyright: NaLos_MehrBlick

Berührend, unterhaltsam, aber auch nachdenklich stimmend – auf diese Weise nimmt Raúl Aguayo-Krauthausen in „Dachdecker wollte ich eh nicht werden – Das Leben aus der Rollstuhlperspektive“ seine Leser mit auf die Reise durch verschiedene Stationen seines Lebens. Eine Biographie, die eigentlich so viel mehr ist als das.

Wenn ich aus mir herausgucke, fühle ich mich nicht behindert. Tauchen im Alltag Barrieren auf, begegne ich Menschen, die mich anstarren, oder erlebe ich Situationen der Hilflosigkeit, wird mir erst bewusst, dass ich es bin. Ich mag mein Leben und die Formulierung „behinderter Mensch“, weil sie offenlässt, ob ich behindert bin oder behindert werde.

Raúl Aguayo-Krauthausen

Raúl sitzt aufgrund von sogenannten Glasknochen (Osteogenesis Imperfecta, kurz OI) im Rollstuhl. In seiner Biographie erhält der Leser Einblicke in Raúls langen inneren Konflikt, in dem er immer wieder versuchte, sich und seine körperliche Einschränkung anzunehmen, mit ihr und sich selbst ins Reine zu kommen.

Schon als Kind wollte Raúl nie eine Sonderrolle beanspruchen – sein Rollstuhl brachte das zeitweise jedoch automatisch mit sich. Lange haderte er daher mit sich und seinem Anderssein. Umso wichtiger war (und ist) es ihm, nicht nur auf seine Behinderung reduziert zu werden.

In einem Kapitel erfahren die Leser daher zum Beispiel von einem Fotoprojekt, für das er einer der Protagonisten war. Man sieht die Fotos fast schon vor sich und wünscht sich in dem Moment, sie wirklich im Buch nachschlagen zu können. Besonders wichtig war ihm damals schon, wie er auf den Fotos dargestellt wird; dass der Fokus nicht auf seiner Behinderung lag, sondern auf seinen unterschiedlichen Facetten als Mensch.

Foto: Textpassage aus "Dachdecker wollte ich eh nicht werden"
„Es fühlte sich richtig an, wie Caterina mich dargestellt hatte. Denn ich fand, dass ich nur als Mensch mit unterschiedlichen Charakterzügen rüberkam, sondern vor allem selbstbestimmt und selbstbewusst. In Roger Willemsens Sendung war ich nicht anders aufgetreten. Am wichtigsten aber war, dass ich nicht behindert wirkte, obwohl ich es war. Nur weil ein Mensch eine Behinderung hat, muss er sie nicht in den Mittelpunkt stellen. Die Persönlichkeit und nicht der Rollstuhl, in dem jemand sitzt, sollte gesehen werden.“

Und da Raúl in erster Linie nun mal Mensch und nicht bloß Rollstuhlfahrer ist, geht es in seinem Buch auch um die ganz alltäglichen Dinge im Leben eines Heranwachsenden: Es geht um die Liebe und erste Enttäuschungen, gepaart mit einer grundsätzlichen Angst vor Zurückweisung, die ihm später jedoch liebevoll genommen wird.

An der Entwicklung seiner beruflichen Interessen nehmen die Leser ebenfalls fortlaufend teil: Ein Schulpraktikum bei Radio Fritz weckt Raúls Begeisterung für die Medienbranche. Jahre später wird er das Thema Behinderung dort in einer Call-In-Sendung thematisieren und über einen Radioaufruf auch einen Zivi für sich suchen.

Auch wenn Raúl nicht nur auf seine Behinderung reduziert werden möchte, rückt sie immer wieder einmal in den Fokus des Geschehens: Quasi ganz nebenbei durch viele kleine und größere Anekdoten erklärt er, was genau es bedeutet, wenn man mit Glasknochen lebt. Wie schwierig es sein kann, Nähe zuzulassen, wo Grenzen der Intimität überschritten werden (müssen). Das Verhältnis von Vertrauen und einer gewissen Abhängigkeit – erst gegenüber seinen Eltern, später in Bezug auf Zivis oder Assistenten – kommt ganz unaufgeregt und selbstverständlich zur Sprache.

Doch auch die Bedeutsamkeit eines selbstbestimmten Lebens ist Thema: Spätestens als Raúl mit seinem ersten Job und dem Auszug in seine erste eigene Wohnung einen wichtigen Schritt geht. Das Erwachsenwerden und die stückweite Unabhängigkeit von seinen fürsorglichen und engagierten Eltern sind eine wichtige Etappe für ihn.

Foto: Buch von Raúl Krauthausen "Dachdecker wollte ich eh nicht werden"
Copyright: NaLos_MehrBlick

Raúl gilt als Aktivist für Inklusion und ist für viele Menschen DAS Gesicht der SOZIALHELDEN. Kein Wunder also, dass auch verschiedene Projekte des Berliner Vereins in seinem Buch erwähnt werden: Von seiner „Suche nach dem Superzivi“ bis zu den Startschwierigkeiten des heutigen Erfolgskonzeptes der Wheelmap gibt es interessante Einblicke in die Entstehungsgeschichte und die ersten Gehversuche der SOZIALHELDEN.

Raúl hat einen erfrischenden Humor – keine Frage. Doch natürlich kann er nicht auf über 200 Seiten immer nur unterhaltsam sein. Mit Schilderungen von gewaltsamen Übergriffen beispielsweise stimmt er auch nachdenkliche Töne an. Etwa wenn er formuliert, dass es ihm eben nicht möglich ist, mal eben wegzulaufen, wenn zum wiederholten Male sein Smartphone geklaut wird.

Raúl lässt sich deswegen aber noch lange nicht zum klagenden Opfer machen. Allerdings liegt ihm der Umkehrschluss ebenfalls fern:

Auch wenn wir uns SOZIALHELDEN nennen, sehe ich mich nicht als Helden. Die einzigen Helden, die mir einfallen, sind Charaktere wie Spiderman, Batman oder Lara Croft.

Aussagen wie diese und viele weitere in dem Buch haben mich als Leser – wie sagt man so schön – abgeholt. Ich persönlich habe noch einiges dazugelernt. Auch wenn Raúl betont, dass er mit seinen Worten nicht für alle sprechen will und kann, so ist es doch möglich, viele grundlegende Erkenntnisse aus seinem Buch zu ziehen. Erkenntnisse, die hoffentlich jeder Leser ein Stück weit mit in unsere Gesellschaft tragen wird. Damit jeder irgendwann versteht,

dass eine Behinderung zu haben nur eine von vielen Eigenschaften ist.

Dieses Buch habe ich sicher nicht zum letzten Mal gelesen. Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr das Buch schon gelesen? Wie gefällt es euch?


11 Gedanken zu “Raúl Krauthausen: Statt Dachdecker ein Aktivist für Inklusion

  1. Das Buch hat sich wirklich so weg gelesen! Ich finde es sollte mehr von diesen Menschen geben, die bestehende Problematiken nicht etwa nur erkennen, sonder dazu auch noch in der Lage sind, aktiv etwas dagegen zu tun! Ich hatte beim Lesen nicht das Gefühl eine neue Welt zu entdecken. Raul zeigt einem wie einfach es sein kann, ein bisschen was zu bewegen. Ich las von keinem Superhelden oder von einem Menschen, deren Lebensstil fernab von dem Meinen ist- er beweist, dass niemand sich auf ein Merkmal seiner selbst reduzieren lassen muss und dass er trotz vieler Hindernisse, die ihm in den Weg gestellt werden, dieselben Wünsche, Ziele und Probleme hat, wie ich und alle anderem auch.

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  2. Habe das Buch in 3,5 Stunden verschlungen und seitdem lässt es mich nicht mehr los. Es hat mich so sehr berührt, dass ich nach dem Lesen gar nicht mehr genau sagen konnte, worum es genau ging. Ich wusste nur, dass ich mich selbst in vielen Seiten wieder fand und froh war, von einem Menschen gelesen zu haben, der versteht, wie es mir auch oft geht.

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    1. Wow, man merkt wirklich, dass es dich sehr berührt hat. Und das finde ich sehr schön – dass ein Buch so etwas kann, dass Worte so etwas können.
      Ich kann mich ja automatisch nicht so direkt darin wiederfinden, weil ich einfach nicht solche Erfahrungen sammeln konnte. Aber ich kann es mir gut vorstellen, dass du dich darin sehr wiedergefunden hast. So soll es sein! 🙂

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  3. Ich bin gerade dabei das Buch zu lesen. Raul wollte mir das Buch schenken, als ich auf Twitter verkündete, mir das Buch kaufen zu wollen, ich aber wegen akuter Pleite noch einen Monat warten musste. Ich bin sehr beeindruckt von Raul und habe mir eines seiner Zitate zu Herzen genommen, einfach leben, nichts planen. Dein Artikel macht auch Lust auf das Buch und ich habe ihn gerne gelesen. Bin ich auch über Twitter drauf aufmerksam geworden 😉 Wie klein die Welt doch ist…

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    1. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass du von Raúl beeindruckt bist. Mir geht es schon seit Längerem so, nach Lesen des Buches hat es sich noch verfestigt.
      Sich sein Zitat „einfach leben, nichts planen“ zu Herzen zu nehmen, ist sicher auch nicht verkehrt! Ich denke wirklich, dass da etwas dran ist. Alles kommt zur richtigen Zeit…
      Vielen Dank! Es freut mich natürlich, wenn mein Beitrag Lust auf das Buch macht. So soll es doch sein! 🙂
      Ich wünsche dir noch viel Spaß mit dem Buch und vielleicht magst du ja berichten, wie du es insgesamt fandest, wenn du fertig bist?! Vielleicht ein Lieblingszitat oder so? 🙂

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  4. Es freut mich, dass es auch dir so gut gefallen hat. Deinen Kommentar mit dem Link zu diesem Beitrag habe ich auf mein neues Blog sabstern.wordpress.com übertragen, da ich den blogspot-Blog nicht mehr führe. So bleibt dein Link erhalten.
    LG Sabine

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