Mehr Vielfalt ins Kinderzimmer, bitte!

– Oder: Warum Spielzeug mit Behinderung wichtig ist

Kinderhände spielen mit Bausteinen
Copyright: Helene Souza, pixelio.de

Ob Stofftier, Puppe oder Bauklötze – alle Kinder haben ein persönliches Lieblingsspielzeug. Es ist Teil ihres Alltags und ihrer Welt. Was Kinder jeden Tag im Spiel umgibt, prägt sie und ihr Normalitätsverständnis. Doch viele Spielsachen oder (Bilder)Bücher stellen oft nur eine stilisierte Welt dar – das breite Spektrum der menschlichen Vielfalt findet man selten. Tauchen dann doch einmal Figuren beispielsweise mit einer Behinderung auf, sind sie meist die Ausnahme, eine Kuriosität, etwas Besonderes.

Nehmen wir den Rollstuhl als Beispiel. Für einige Puppen kann man ihn hin und wieder als Accessoire, als Sonderausstattung kaufen. Eingesetzt wird er dann im Spiel vielleicht nach einem Beinbruch oder so. Aber wirkliche Puppen mit Behinderung gibt es in der Form so gut wie gar nicht auf dem (deutschen) Markt.

In der Vergangenheit brachte die Firma Mattel, bekannt als Kinderstube der beliebten Barbie, in den USA die gehbehinderte „Becky“ auf den Markt. Sie saß in einem rosafarbenen Rollstuhl und sollte Mattels Versuch unterstützen, „Vorbehalte gegen Behinderte“ abzubauen.

Einziges Problem: Mattel bewies sich leider selbst, wie scheinbar halbherzig der Versuch war. Denn Barbies Freundin Becky passte mit ihrem Rollstuhl nicht durch die Türen des Barbie Traumhauses. So fühlte sich die neu anvisierte Zielgruppe der Mädchen mit Behinderung viel besser abgeholt und erkannt, als es Mattel lieb gewesen sein dürfte: Denn durch die fehlende Barrierefreiheit zeigte sich ihre Realität, da auch sie selbst oft auf Barrieren und Hindernisse stießen. Das Unternehmen entschuldigte sich und verwies auf andere barrierefreie Barbiehäuser.

Foto: Screenshot der Rollstuhl-Barbie bei Amazon
Screenshot der verfügbaren Rollstuhl-Barbie (Mattel) bei Amazon

Ein wirklicher Erfolg dürfte die Barbie im Rollstuhl dann aber doch nicht gewesen sein. In Deutschland kann man sie zwar noch beispielsweise bei Amazon bestellen, darf dafür dann aber auch über 70 Euro hinblättern. Und die Rollstuhl-Barbie gilt als Sammlerstück. Also eher eine seltene Ausnahme. Etwas Besonderes. Alltägliche Vielfalt? Fehlanzeige!

„Behinderte Mädchen sind auch ‚American Girls'“

Doch der Bedarf scheint zu bestehen: Melissa Shang forderte jüngst in einem YouTube-Video, dass doch die beliebten „American Girls“-Puppen bitte auch endlich einmal einem Mädchen mit Behinderung nachempfunden werden. Denn Melissa möchte auch eine Puppe, die ihr ähnlich ist. Melissa sitzt aufgrund einer Muskelerkrankung im Rollstuhl.

Zusammen mit ihrer Schwester hat sie sogar eine Petition gestartet, die derzeit über 130.000 Unterstützer hat. Im Petitionstext schreibt sie unter anderem:

Ich möchte, dass andere Mädchen wissen, wie es ist wie ich zu sein – mithilfe einer behinderten American Girl Geschichte.

In ihrem Aufruf auf YouTube sagt die zehnjährige Melissa unter anderem:

Ich bin bereit für eine Puppe wie mich.

Doch ist auch unsere Gesellschaft bereit?

Foto: Arielle im Rollstuhl
Copyright: AleXsandro Palombo

Mit einer ähnlichen Frage beschäftigte sich auch der italienische Künstler AleXsandro Palombo. Ob Arielle, Mulan, Yasmin oder Schneewittchen – er nahm sich die Disney-Prinzessinnen vor und zeigte sie teils im Rollstuhl, teils mit fehlenden Gliedmaßen.

Auf seinem Blog Humor Chic fragt er dazu:

“Hast du jemals einen behinderten Protagonisten in einem Disney-Film gesehen?“

Und die Antwort kennen wir alle: Nein! Denn Behinderungen passen nicht in die heile Welt von Disney. Dort ist die Welt trotz der bösen Bedrohungen am Ende immer perfekt. Figuren wie der Glöckner von Notre-Dame bleiben eher Ausnahmen.

Doch verliert Pocahontas ihren Stolz und ihre Stärke, wenn sie auf zwei Krücken gestützt mit nur einem Bein dasteht? Nein!

Ist eine Yasmin oder eine Tiana weniger schön und anmutig, weil ihnen ein oder zwei Arme fehlen? Nein!

Foto: Pocahontas, Yasmin und Tiana mitfehlenden Gliedmaßen
Pocahontas, Yasmin und Tiana mitfehlenden Gliedmaßen; Copyright: AleXsandro Palombo

Ich selbst bin großer Disney-Fan und muss sagen, dass diese Figuren einfach toll sind. Natürlich gibt es weit mehr Arten von Behinderungen als fehlende Gliedmaßen. Die Disney-Prinzessinnen könnten auch blind oder gehörlos sein. Keine Frage.

Aber der Ansatz ist entscheidend. Und wäre es nicht großartig, wenn Disney-Prinzessinnen zukünftig auch mal eine Behinderung hätten?! Natürlich sollten sie dann bitte nicht anhand ihrer Behinderung vorgeführt werden. Es wäre toll, wenn künftige Disney-Figuren einfach eine Behinderung hätten, ohne dass diese großartig thematisiert würde. Da fehlt der neuen Disney-Prinzessin eben der linke Unterarm. Na und? Ein unaufgeregter, selbstverständlicher Umgang mit dem Thema Behinderung wäre toll – sowohl bei Disney als auch generell.

Foto: Schneewittchen im Rollstuhl
Copyright: AleXsandro Palombo

Insgesamt brauchen wir einfach mehr Vielfalt in den Kinderzimmern! Ob Barbie mit realistischen und lebensnahen Proportionen oder Schneewittchen im Rollstuhl – es geht darum, dass die Vielfalt schon für unsere Kinder selbstverständlich werden muss. Dann ist das Thema Inklusion künftig vielleicht auch gar keine große Sache mehr für sie, weil sie schon von Anfang an vorgelebt bekamen, dass anders sein normal ist.

Aber: Damit die eventuell angebotenen Spielzeuge und Bilderbücher auch wirklich in den Kinderzimmern und Kinderhänden landen, müssen die Eltern sie natürlich auch kaufen. Hoffen wir, dass sich die Katze also am Ende nicht doch in den Schwanz beißt!

Und? Mögt ihr die Disneyprinzessinnen so immer noch?

Foto: Disney-Prinzessinnen mit Behinderung, Frage: Do you still like us?
Copyright: AleXsandro Palombo

Was meinst du: Brauchen wir mehr Spielsachen in dieser Art?


22 Gedanken zu “Mehr Vielfalt ins Kinderzimmer, bitte!

  1. Hallo Nadine,
    wir besuchen die Wirtschaftsschule in Steinfurt und machen dort unsere Ausbildung zur Sozialassistentin/zum Sozialassistenten. Jetzt sind wir im 2. Ausbildungsjahr.

    Unsere Klasse hat im Unterricht deinen Blogeintrag zum Thema „Mehr Vielfalt ins Kinderzimmer, bitte! – Oder: Warum Spielzeug mit Behinderung wichtig ist“ gelesen.
    Wir haben darüber gesprochen, was wir davon halten und ob wir Spielzeuge oder Filme für Kinder, in denen Menschen mit Behinderung/Beeinträchtigung vorkommen, kaufen bzw. schauen würden.

    Jedoch denken wir, dass es schwer sein würde einen solchen Film zu vermarkten, da es Eltern gibt, die dieser Thematik gegenüber nicht so aufgeschlossen sind und ihren Kinder solche Filme möglicherweise nicht zeigen würden.
    Aber wir sind uns einig, dass wir Filme dieser Art unterstützen würden, um auch Eltern dieses Thema näher zu bringen und es Kindern zu ermöglichen, die vielfältige Realität so bildlich wie möglich zu erfahren.

    Im Unterricht haben wir ein Projekt geplant, bei dem wir Spielzeuge selbst herstellen oder umgestalten möchten, sodass diese zum Thema „Mehr Vielfalt in Kinderzimmern“ passen. Um zu testen, wie diese Spielzeuge ankommen, möchten wir sie in einem Kindergarten abgeben. Wir hoffen dann von dort ein Feedback sowohl von den Erzieher/innen als auch den Eltern sowie den Kindern zu bekommen.

    Danke für deinen Blogeintrag, denn der hat uns auf diese Idee gebracht.

    Liebe Grüße

    Miguel, Elena, Aylin, Vanessa, Marina, Ayla, Lajana, Jasmin, Iris und Frau Grimm

    PS: Wenn dich unser Projekt interessiert, berichten wir gerne mehr.

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    1. Hallo Miguel, Elena, Aylin, Vanessa, Marina, Ayla, Lajana, Jasmin, Iris und Frau Grimm!

      Vielen lieben Dank für euren Kommentar und das tolle Feedback! Es freut mich natürlich sehr, dass euch mein Beitrag hier auf die Idee zu dem beschriebenen Projekt gebracht hat! Das ist echt toll! 🙂
      Und mich würde wirklich brennend interessieren, wie es mit eurem Projekt weitergeht. Also wenn ihr weiter berichten mögt, sehr sehr gerne. Im Impressum findet ihr auch meine E-Mail-Adresse, an die ihr gerne schreiben könnt.

      Ich freue mich, mehr von euch und dem Projekt zu lesen!!!

      Liebe Grüße
      Nadine

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  2. Sehr gut geschriebener Artikel mit mehr als nur unterstützenswerten Forderung. Eins fällt mir allerdings unangenehm auf: Es geht primär um Rollstuhlfahrer_Innen, Du ergänzt noch „Die Disney-Prinzessinnen könnten auch blind oder gehörlos sein. Keine Frage.“ Und wer bleibt, wie bei praktisch allen Artikel, die eine breitere Akzeptanz vbon Behinderung einfordern, außen vor? Wo sind die Superheld_Innen mit Down-Syndrom? Wo bleibt die Forderung nach autistischen Protagonist_Innen in Kinderbüchern? Solange die Umstände noch so sind, dass diese Menschen selten Petitionen im Netz schreiben oder selbst bloggen, haben sie ein Recht darauf, nicht auch noch in der Behindertenrechtsbewegung unsichtbar gemacht zu werden.

    Viele Grüße!

    Christian

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar mit den durchaus wichtigen Anmerkungen.
      Natürlich hast du auf jeden Fall Recht damit, wenn du einforderst, dass hier und auch generell Menschen mit Trisomie 21 oder mit der Autismus-Spektrum-Störung ebenfalls mal in den Vordergrund treten.
      Ich wollte sie durch die Nichterwähnung natürlich nicht ausschließen, mitgedacht habe ich sie auf jeden Fall! Denn ich finde ebenfalls, dass die breite Vielfalt und damit jegliche Formen von Behinderung in der Öffentlichkeit präsent sein sollten – ob in Kinderbüchern oder allgemein in den Medien.
      In dieser Hinsicht muss aber wirklich noch viel passieren!
      Und ich werde meinen Teil dazu beitragen, das Bewusstsein zu schärfen.

      Viele Grüße
      Nadine

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  3. Aber immerhin gab es in den 70er Jahren im Fernsehen Heidi mit ihrer Freundin Klara, die im Rollstuhl saß. Nichtsdestotrotz ist es einfach traurig, dass Behinderungen nicht nur beim Kinderspielzeug kaum Einzug finden, auch im Real Life gibt es z.B. in Berlin noch Bahnsteige, die Rollstuhlfahrer niemals erreichen können, außer ihnen wachsen Flügel. Vergessen darf man auch nicht die unsichtbaren Behinderungen. Die Behinderten wünschen sich manchmal einen Krückstock, da der mehr anerkannt wird als „Gebrechen“.

    Ein sehr interessanter Bericht jedenfalls.

    Viele Grüße,
    Moppi

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    1. Oh ja, das stimmt natürlich – Heidi und Klara! 🙂 Aber welches Kind kennt das schon noch? (Wenn nicht gerade die Eltern es aktiv zeigen!?)
      Und klar, oft werden Behinderungen nur wahrgenommen, wenn sie auch sichtbar sind. Sie sind in der Regel auch die Behinderungen, die dargestellt werden (wenn denn dann überhaupt) – einfach weil sie visuell oft einfacher darzustellen sind.

      Danke dir für dein Feedback und deinen Kommentar! 🙂

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  4. als rollstuhlfahrende Mutter war ich höchst erfreut als die 1. Barbie im Rollstuhl auf den Markt kam und habe sie sofort aus den USA mitbringen lassen, für meine damals 4jährige Tochter und für die Tochter meiner Freundin, die auch im Rollstuhl sitzt. Beide Mädchen haben diese Barbie geliebt. Da meine inzwischen fast 20jährige Tochter einen afrikanischen Vater hat war ich immer auch auf der Suche nach dunkelhäutigen Spielzeugfiguren.
    Irgendwie bedenklich fand ich, dass ich nach langer Suche einige schwarze Duplo-Figuren gefunden habe, das war dann ein Spezial-Set für den pädagogischen Bereich..

    In meiner Kindheit gab es überhaupt keine Puppen mit Behinderung. Das hielt mich nicht davon ab meinen Puppen regelmäßig eine Körper-Behinderung zuzufügen und ihren Rollstühle zu bauen. Ansonsten hätte ich mit ihnen nicht meine Erfahrungen nachspielen können. Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass mehr Vielfalt ins Kinderzimmer einzieht.
    Ich befürchte aber, dass Eltern nichtbehinderter Kinder diese nicht kaufen werden, solange nicht z.B. eine Disney-Figur mit Behinderung berühmt wird…

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    1. Danke für deine (mit)geteilten Erfahrungen.
      Ich finde es auch traurig und bedenklich, dass viele Vielfalt repräsentierenden Aspekte in der Regel immer nur als Sonderausstattung oder Spezial-Set zu bekommen sind. Das sagt noch sehr viel aus.

      Dass du deine Puppen einfach selbst „angepasst“ hast, finde ich nachvollziehbar. Aber eigentlich sollte man sie so schon kaufen können…

      Und ja, das ist auch meine Befürchtung, dass Eltern nichtbehinderter Kinder sehr zurückhaltend beim Kauf wären – es sei denn sie sind aus anderen Gründen vielleicht sensibilisiert. Ein Teufelskreis…

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    1. Ich stimme dir zu, dass das von mir aufgegriffene Thema nur eins von mehreren problematischen Aspekten bei Disney und auch generell ist.
      Vielfalt ist natürlich nicht nur das Thema Behinderung… Da steckt so viel mehr dahinter! Still a long way to go…

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  5. Danke für deinen Kommentar!
    Was du da ansprichst ist mit Sicherheit ein weiterer wichtiger Aspekt der dringend notwendigen Vielfalt!
    Wir haben in Deutschland in dieser Hinsicht noch einige Baustellen offen…

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  6. Wie wichtig diese Vielfalt im Kinderzimer ist, wurde mir klar, als wir mal farbige Playmo- Mannchen ergattert haben (leider nur Männer). Diese durften dann der Papa sein ( wie in unserem Leben) aber manchmal auch Chef, Hotelbesitzer, Reitlehrer usw.
    Auf einen farbigen Piloten oder Arzt haben wir aber vergeblich gehofft. Erst Recht auf farbige Ärztinnen.

    Auch bei den Biegepüppchen haben eir 1-2 Mal einen Fund gemacht.

    Deutschland ist Entwicklungsland.

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    1. Leidenschaftlich… Wir haben einen Polizeihubschrauber von Playmo, der einen farbigen Piloten hat. Gibts auch aktuell zu kaufen. 🙂

      Ich versuche meinen Kindern Vielfalt zu vermitteln, bei der Behinderung ist es nicht schwer, da ich selber teilamputiert bin. Aber es ist halt schwierig, wenn man nur davon erzählen kann, dass es auch andere Modelle als Mama-Papa-Kind etc gibt…

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Und was ist dein (Mehr-)Blick zum Thema? Schreib es mir doch gerne in einem Kommentar! :-)

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