Gesellschaftsbilder.de: Bilder von Behinderung, Inklusion und Vielfalt

Foto: Eine Rollstuhlfahrerin wird von hinten gezeigt, wie sie sich Händchen haltend mit ihrem Freund in einer Gasse befindet. Der Freund ist kein Rollstuhlfahrer und schiebt stattdessen mit der freien Hand ein Fahhrad
Auf Gesellschaftsbilder.de gibt es Fotos zu den unterschiedlichsten Themengebieten; Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Nicht nur die Sprache in den Medien lässt bei der Berichterstattung über Menschen mit Behinderung oft zu wünschen übrig – auch die bildliche Darstellung ist meist grenzwertig. Gerade in Bilddatenbanken werden häufig schlechte und klischeebehaftete Fotos angeboten, die auch nur in den seltensten Fällen mit beispielsweise echten Rollstuhlfahrern arbeiten.

Weil auch mich das regelmäßig bei meiner Arbeit betrifft (und stört), war ich sehr begeistert, als es hieß, dass die Sozialhelden und Leidmedien.de eine neue Bilddatenbank planen.

Und auf der re:publica war es dann soweit und Andi Weiland stellte in einem Lightning Talk die neue Bilddatenbank Gesellschaftsbilder.de vor. Der Download der Bilder ist ohne Registrierung und kostenfrei möglich. Andi sagte in Berlin, dass die Schwelle für die Journalisten so gering wie möglich gehalten werden müsse. Sie würden kein Geld für solche Bilder ausgeben, da sie ja ihre Datenbanken grundsätzlich haben. Die redaktionelle Nutzung sei erlaubt, für kommerzielle Nutzungswünsche möge bitte Kontakt aufgenommen werden.

Eins der Hauptziele der neuen Datenbank sei es, zu zeigen, dass unsere Gesellschaft viel vielfältiger ist als es bisher gezeigt wird, so Andi im Talk.

Foto: Andi Weiland beim Lightning Talk auf der #rpTEN
Andi Weiland beim Lightning Talk auf der #rpTEN

Andi Weiland im Interview

Und da ich eh schon länger geplant hatte, Andi mal zu seiner Arbeit als Fotograf zu interviewen, habe ich auf der re:publica dann die Gelegenheit genutzt und das nun folgende Interview mit ihm geführt:

 

Menschen mit einer sichtbaren Behinderung fotografisch in Szene zu setzen ist nicht immer einfach. Du hast bereits, wie ich finde, sehr gelungene Fotos von Laura Gehlhaar, Tanja Kollodzieyski oder auch der Sportlerin Christiane Reppe gemacht. Wie gehst du an solche Shootings heran?

Ich weiß nicht, ob es etwas Besonderes ist, aber für mich ist es schon sehr wichtig: Eigentlich laufen Modelshootings ja immer so ab, dass meistens der Fotograf eine Idee oder Vorstellung hat, was er ablichten möchte und das dann so umsetzt. Der Unterschied bei mir ist, dass ich dann immer frage „Was möchtest du denn abgelichtet haben?“. Also die Models sind dann diejenigen, die das Thema vorgeben. Und zwar insofern, dass ich sie frage: „Wie möchtest du dargestellt werden?“, „Was behindert dich wirklich?“, „Was können wir darstellen?“. Und deswegen sind diese Shootings immer doppelt. Das bedeutet: Auf der einen Seite wollen wir Barrieren darstellen, die es eben gibt. Und auf der anderen Seite sollen es auch einfach respektvolle Aufnahmen sein. Zum Beispiel sagte Christiane Reppe ganz klar: „Ich möchte als Athletin wahrgenommen werden. Ich möchte als Handbikerin wahrgenommen werden und nicht als die, die ‚trotz ihrer Einbeinigkeit‘ Sport macht.“ Laura Gehlhaar zum Beispiel ist eine sehr attraktive, sehr ausdrucksstarke Persönlichkeit – also müssen wir halt das herausarbeiten. Und das hat funktioniert. Und so gibt es bei jedem Shooting eben Besonderheiten, die dann die Aufgabe spannender machen, das so herauszuarbeiten.

Ist das deine grundsätzliche Herangehensweise? Also würdest du auch bei Menschen ohne eine Behinderung so vorgehen?

Ich mache da keine Unterschiede. Das liegt aber auch daran, dass ich nicht nach Models im klassischen Sinn suche und sage, ich brauche die ultraschöne Frau oder den ultraschönen Mann, damit ich mich dann profiliere. Sondern ich möchte eben Bilder machen – entweder für das Projekt Gesellschaftsbilder oder für den Menschen. Ich sag immer, das schönste Kompliment für mich ist, wenn jemand ein Foto, das ich gemacht habe von dieser Person, bei Facebook als Profilfoto einstellt. Das freut mich dann insofern, weil ich einfach weiß, der oder die mag das Bild wirklich und identifiziert sich damit so stark, dass er damit sein erstes Erkennungsmerkmal so wählt. Was ja bei Laura und Tanja beispielsweise auch schon mehrfach der Fall war. (Einschub von mir)

Inwiefern gab es bei Shootings bisher schon besonders witzige oder außergewöhnliche Situationen?

Ich glaube, die eine Anekdote hat noch nicht mal was direkt mit dem Shooting an sich zu tun. Das war bei einem Shooting mit Laura, dass wir auf einer größeren Fläche in Berlin gemacht haben. Und plötzlich mussten wir lachen und stellten fest, dass etwa fünf Meter weiter gerade ein Amateur-Fetisch-Porno gedreht wird. Und ich glaube, wir müssen uns ja nicht der Illusion hingeben, dass Inklusion so selbstverständlich angenommen wird: Das muss für die wahrscheinlich auch irgendwie verrückt ausgesehen haben, dass hier jetzt das Model so auf diese Art in Szene gesetzt wird. – Auch ein Fetisch? (Ich lache.) – Genau. (lacht) So wie es für uns seltsam war und wir uns gefragt haben, warum hat der da drüben jetzt eine Windel an. Das war schon ganz witzig.

Was macht Shootings mit dir sonst so aus?

Im Prinzip ist es ja so, dass man bei jedem Shooting eine gewisse Anlaufphase braucht. Ich bin dann auch meistens mit den Leuten unterwegs und irgendwann macht es dann Klick. Dann hat man die Idee, wie man es darstellen will. Man muss sich finden. Und man muss ehrlich sein. Das ist so eine Sache. Das wissen aber auch die meisten Menschen, die die Behinderung haben, dass es – wie bei jedem anderen Menschen auch – gewisse Züge gibt, die nicht gut aussehen, also für die Kamera. Dann muss man das aber auch benennen und zum Beispiel sagen: Lass uns das insofern umgehen, dass ich bis 3 zähle und dann musst du den Kopf hochstrecken. Vielleicht auch ein bisschen übertrieben, aber das ist ja in der Perspektive noch mal anders. Bei Menschen mit Behinderung muss ich das natürlich auch lernen: Wie bewegen sich beispielsweise Tanja oder auch Raúl im Rollstuhl. Was sieht vorteilhaft und vor allem respektvoll aus. Das ist eine wichtige Überlegung.

Foto: Kleinwüchsige blonde Frau lächelt in die Kamera und hält ein pinkes Schild in der Hand, auf dem steht: Menschenrechte jetzt!
Auf Gesellschaftsbilder.de werden auch regelmäßig Fotos von aktuellen Veranstaltungen hochgeladen und den Journalisten zur Verfügung gestellt. Wie beispielsweise dieses Foto von der Ankett-Aktion vor dem Bundestag für ein gutes Teilhabegesetz und gegen Barrieren; Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Wie nimmst du in den Medien die fotografische und bildliche Darstellung von Menschen mit Behinderung wahr?

Es ist noch immer ein sehr unbedachter Ansatz. Ich glaube, dass Fotografen nicht in der Form sensibilisiert sind, weil sie vielleicht selber noch keinen Kontakt mit einem Menschen mit Behinderung außerhalb der Arbeit hatten. Dann kommt zum Beispiel die Redaktion an und sagt: Du musst jetzt da hin und von Raúl Fotos machen. Vor Ort hat man dann vielleicht nur zehn Minuten Zeit, macht schnell das Foto und ist eventuell auch mit der Situation etwas überfordert, weil es nicht so schnell geht. Gerade in solchen Situationen geht es dann auch oft schief. Und obwohl die Fotografen vieles ja auch eigentlich gelernt haben, vergessen sie es dann eben in diesem Moment. Und zwar beispielsweise das grundsätzliche Prinzip der Augenhöhe. Wenn man etwa Raúl von oben nach unten fotografiert, dann wirkt er einfach mini. Und das ist nicht das, wie er dargestellt werden möchte. Es wissen natürlich alle, dass er kleiner ist. Man kann klein sein oder man kann jemanden mini-mini despektierlich darstellen. Das passiert sehr oft bei Rollstuhlfahrern. Was ich sonst noch häufig sehe, ist, dass klischeehafte Bilder gemacht werden. Beispielsweise das Klischee über Menschen mit Down-Syndrom, dass sie immer lächeln und lachen müssen. Die haben doch immer so eine Lebensfreude und müssen dann auch immer so abgebildet werden. Das sind aber einfach die falschen Vorstellungen.

Ich glaube aber auch nicht, dass da eine Mutwilligkeit dahintersteckt, sondern dass es in erster Linie eine Unbedachtheit ist. Und in diese Unbedachtheit wollen wir reingehen und einfach mal sagen: Guckt mal, was haltet ihr denn von diesen Fotos? Und dann sagt vielleicht jemand: „Das ist ja ein cooles Foto. Dürfen wir das denn verwenden?“. Und aus diesem Gedankengang ist dann die Idee zu Gesellschaftsbilder entstanden. Wo wir jetzt hoffen, dass es weitergeht und dass wir am Ende wirklich darüber diskutieren, was ein „gutes“ Foto ist. So ein Foto setzt sich meiner Meinung nach aus mindestens zwei Ebenen zusammen: Die eine Ebene ist, dass der Mensch so abgebildet wird, wie er gesehen werden möchte. Oder wie die Situation oder das Thema Inklusion zum Beispiel gesehen werden soll. Und es soll auf der anderen Seite trotzdem ein journalistisch gutes Foto sein. Also keine Handyschnappschüsse, die man dann nicht abdrucken kann.

Weiterführende Links:

Ausführliche Infos zu Gesellschaftsbilder.de gibt es hier: http://sozialhelden.pageflow.io/gesellschaftsbilder

Und auch Ju Wheelymum hat bereits über die neue Bilddatenbank berichtet: https://wheelymum.wordpress.com/2016/05/16/sei-frech-wild-und-wunderbar-bilder-mit-behinderungen/

 

Wie gefällt dir die neue Bilddatenbank?


9 Gedanken zu “Gesellschaftsbilder.de: Bilder von Behinderung, Inklusion und Vielfalt

  1. Danke für dieses tolle Interview. Es ist so wichtig und mit Andi ist es auch wirklich sehr angehnehm zu arbeiten. Gleichzeitig habe ich nicht nur über die Gesellschaftsbilder berichtet, sondern ich nutze sie auch regelmäßig. Es macht einfach Freude zu wissen, wo ich gute und respektvolle Bilder finden kann, ohne großen Aufwand. Vielen Dank dafür.

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