Bilder von Behinderung – vermittelt durch Bilddatenbanken

Foto: Viele bunte Knöpfe auf einem Haufen
Die Suche nach guten Bildern ist manchmal wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen; Copyright: NaLos_MehrBlick

Inklusion, Barrierefreiheit, Behinderung – als Online-Redakteurin suche ich in meinem Tagesgeschäft regelmäßig nach verschiedenen Fotos rund um diese Themen. Und oft bin ich nicht wirklich zufrieden mit den Ergebnissen, die mir unsere zur Verfügung stehende Bilddatenbank liefert. Was genau mich stört?

Leider spiegeln viele Bilder zu den unterschiedlichsten Suchanfragen Klischees wieder, die in unserer Gesellschaft rund um das Thema Behinderung vorherrschen.

Suchwort eingeben, Bild auswählen, runterladen, bearbeiten, fertig – deswegen greifen scheinbar viele Journalisten gerne auf Bilddatenbanken zurück. Es ist einfach, geht schnell und schont selbst bei kostenpflichtigen Angeboten das Budget.

Bilddatenbanken stehen einer breiten Masse zur Verfügung. Optimal wäre es natürlich, wenn Medienschaffende ihre Fotos exklusiv von einem Fotografen machen lassen oder sie zumindest selbst exklusiv anfertigen würden. Aber im Tagesgeschäft ist das so nicht immer möglich – aus verschiedenen Gründen.

Welche Bilder liefern welche Suchbegriffe?

Erst gestern habe ich mich bei der beruflichen Bildrecherche wieder furchtbar geärgert, da die Ergebnisse alle sehr zu wünschen übrig ließen. Auf Facebook und Twitter postete ich dann aus gegebenem Anlass meinen schon älteren Artikel mit der Forderung: Weg mit den Klischees in den Medien. Aus dem Feedback, vor allem von Gudrun, festigte sich dann schnell die Idee für diesen Beitrag heute.

Also habe ich mir nun stellvertretend die Bilddatenbank panthermedia.net vorgenommen, mit der ich vor allem beruflich arbeite. Begriffe, die rund um das Thema Behinderung interessant sein könnten, habe ich dort eingegeben. Die Ergebnisse fasse ich hier nun zusammen.

(Wichtig: Meine kleine Analyse erhebt in keinster Weise einen Anspruch auf Vollständigkeit!)

Suchbegriff: Behinderung

Bei diesem sehr allgemeinen und umfassenden Suchbegriff umfassen die Treffer sowohl Bilder mit Rollstuhlfahrern als auch Brailleschrift. Allerdings bekomme ich hauptsächlich ältere Menschen angezeigt. Egal ob mit oder ohne Rollstuhl sind sie meist gerade in einem Krankenhaus oder beim Arzt. Rollstuhlfahrer werden meist von anderen Personen geschoben. Hier und da gibt es vereinzelt auch lachende und positive Gesichter, diese sind in der Regel aber trotzdem beim Arzt vorzufinden.

Fazit: Behinderung = alt, passiv, hilfebedürftig, kränklich

Suchbegriff: Inklusion

Schon die Trefferzahl bei panthermedia.net ist nicht sonderlich ergiebig: 26 Ergebnisse. Darunter sind vor allem viele Grafiken mit mehreren Männchen (Kreidezeichnung oder auch Spielfiguren). Eines davon ist meist farbig gekennzeichnet. Zur eindeutigen Zuordnung steht oft Inklusion dabei. Zwei Treffer greifen die Grafik mit den vier Kreisen auf – zur Erläuterung der Unterschiede zwischen Exklusion, Separation, Integration und Inklusion. Bis auf ein paar wenige Fotos (allerdings von Einzelpersonen) sind die Ergebnisse größtenteils eher abstrakt und bilden nicht das reelle Leben ab.

Fazit: Inklusion = graue Theorie?

Suchbegriff: Barrierefreiheit

Noch weniger Treffer: 16. Fünf Bilder zeigen verschiedene Rampenlösungen für Rollstuhlfahrer. Drei Grafiken stellen Hinweiszeichen dar. Drei weitere sind eher unspeziell, da man nur ebene Fläche, eine Straße, mit Rollstuhl sieht. Die anderen Bilder zeigen das Fehlen von Barrierefreiheit: der berühmte Rollstuhl vor einer Treppe.

Suche ich allerdings nach dem Adjektiv „barrierefrei“ erhalte ich 400 Treffer. Aber schon auf Seite 1 wird deutlich, dass hier sehr weit gefasste Ergebnisse angezeigt werden: unter anderem viele Grafiken, auf denen (Stacheldraht-)Zäune überwunden oder Mauern/Labyrinthe/Käfige durchbrochen werden, viele Bilder mit Pferden. Aber es gibt auch konkrete Motive wie beispielsweise ein barrierefreies Badezimmer, Hinweiszeichen (zum Beispiel Toilettenicons) oder Fotos von Behindertenparkplätzen.

Fazit: Barrierefreiheit/barrierefrei = wenige konkrete Treffer, die allerdings dann durchaus okay sind

Suchbegriff: Rollstuhl

Was als erstes auffällt bei den Suchergebnissen: meist Senioren oder auch Patienten nach einer OP, die den Rollstuhl aber wohl nur vorübergehend benötigen werden. Ansonsten hat man den Eindruck, dass es sich nur um gestellte Rollstuhlfahrer handelt – im „Kassenmodell Marke AOK-Shopper“. Auch hier ist es so, dass die Rollstuhlfahrer sich in der Regel im Krankenhaus oder beim Arzt aufhalten.

Irritierend finde ich ja immer die Fotos, auf denen Rollstühle irgendwo leer rumstehen – an/auf einer Straße, am Strand oder ähnliches. Da frage ich mich immer: Wo sind die Nutzer des Rollstuhls plötzlich hin?

Fast wie eine Antwort auf diese Frage wirken da die (zum Glück nur vereinzelten) Treffer der Marke „ganz schlimm“: Jubelgesten, weil Person gerade aus dem Rollstuhl aufstehen konnte – gerne auch mit gleißendem Licht aus aufklaffender Wolkendecke bekräftigt. (Ohne weitere Worte.)

Wenn auch in der Unterzahl – es gibt sie doch: Bilder von Rollstuhlfahrern, die sie in verschiedenen Situationen im Alltag zeigen, seien es Handbiker oder andere Rollstuhlsportler in Aktion oder bei Nutzung eines Treppenlifts oder in einer barrierefreien Umgebung (Bad, Küche).

Fazit: Rollstuhl = Es gibt tatsächlich Rollstuhlfahrer, die mitten im Leben stehen und selbstbestimmt leben!

Suchbegriff: Autismus

Diese Treffer gehören zu meinen persönlichen No-Go-Bildern: Kinder hinter einer Milchglasscheibe, die das scheinbar nicht löschbare Klischee verkörpern, dass Autisten in ihrer „eigenen Welt“ leben. Konsequenter Weise werden die meisten Fotos oft als Schwarz-Weiß-Bilder präsentiert. Die abgebildeten Kinder sind in der Regel traurig, einsam und isoliert. Außerdem gibt es sehr viele grafische Lösungen, die letzten Endes einfach nur das Wort an sich aufgreifen.

Auf ein positives Beispiel bin ich allerdings gestoßen: Ein Junge wird, teils mit seinem Vater in der Natur gezeigt. Er spielt, lacht. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Junge vielleicht der einzige wirkliche Autist auf all diesen Bildern sein könnte.

Fazit: Autismus = isoliert und traurig in der eigenen Welt

Suchbegriffe: Gehörlos/hörbehindert

Zu „Hörbehinderung“ und „hörbehindert“ erhalte ich gar keine Treffer. Versuche ich es mit „gehörlos“ kommen unzählige Bilder, auf denen jemand die Hand ans Ohr legt und fragend guckt. Als ich es alternativ noch mit „schwerhörig“ versuche, zeigt man mir Hörgeräte en masse, Menschen, die in ein Megafon sprechen während sie direkt neben der anderen Person stehen. Oder aber ich finde zahlreiche Abwandlungen der berühmten Affen zu „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“.

Randnotiz: Ich gebe als Alternative den Begriff „Gehörlosigkeit“ ein und werde gefragt, ob ich nicht doch „Wehrlosigkeit“ meine – wofür mir auch direkt schon die Treffer angezeigt werden.

Fazit: Gehörlos = kaum ernst zu nehmende Treffer

Suchbegriff: Gebärdensprache

Als Ergänzung zu „gehörlos“ habe ich es dann noch mit diesem Suchbegriff versucht. Ergebnis: meist eher Zeichensprache. Daumen hoch, Daumen runter – die meisten Treffer beziehen sich auf allgemein bekannte Handzeichen vom Stinkefinger über das L vor der Stirn für Loser bis hin zum Vogel zeigen oder dem Metalgruß.

Wenn aber wirklich Gebärdensprache abgebildet wird, dann meist einfach „nur“ das Alphabet – in Form von einzelnen Buchstaben oder als Sammlung des ganzen Alphabets auf einem Bild). Leider wird die Gebärdensprache nur äußerst selten wirklich aktiv in einer Kommunikationssituation dargestellt.

Fazit: Gebärdensprache = nur selten kommunikativ praktiziert

Suchbegriffe: Blind/sehbehindert

Was haben zugehaltene Augen oder verbundene Augen (gerne auch halbnackt) mit Blindsein zu tun? Richtig! Nichts! Trotzdem bekomme ich hauptsächlich solche Ergebnisse angezeigt – zusätzlich zu den bereits erwähnten Abwandlungen der berühmten Affen zu „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“.

Aber: Vereinzelt werden mir auch Signalgeber an Ampeln, Braillezeilen für den Computer, Brailleschrift, Wahlzettel mit Brailleschrift oder Menschen mit Langstock angezeigt. Allerdings ist die Trefferquote hierfür höher, wenn ich nach „sehbehindert“ suche.

Fazit: Blind/sehbehindert = Braille, Augen zu, Braille

Suchbegriff: Trisomie 21

Bei exakt diesem Suchbegriff wird mir eine junge Frau angezeigt. Auf insgesamt sieben Fotos lächelt sie einmal nur ein ganz kleines bisschen. Man erkennt es kaum. Sonst schaut sie eher neutral bis deprimiert drein.

Verwende ich den gängigeren Begriff „Down-Syndrom“ erscheinen mehrere hundert (fast 800) lachende Kindergesichter. Hauptsächlich Kinder, immer mal wieder zusammen mit den vermeintlichen Eltern. Meist sind die Kinder allerdings alleine auf den Bildern, nicht zusammen mit anderen Gleichaltrigen.

Kleiner Lichtblick: Junger Mann (!) mit Trisomie 21 wird in verschiedenen Berufen (Pilot, Musiker) gezeigt. Es ist zwar recht naheliegend, dass diese Bilder gestellt sind und nicht seinen tatsächlichen Arbeitsplatz zeigen. Dennoch finde ich, dass die Darstellung im Berufsleben ein guter Ansatz ist.

Verstörend im Gesamtsuchergebnis: Hand mit der Aufschrift „Stop Down Syndrome“.

Fazit: Trisomie 21/Down-Syndrom = Happy children everywhere.

Zusammenfassung

Die Ergebnisse beziehen sich in diesem Fall ausschließlich auf die Bilddatenbank panthermedia.net. Allerdings habe ich stichprobenmäßig einige Begriffe auch bei Pixelio.de oder Fotolia.de gesucht. Und auch da habe ich keine nennenswerten Unterschiede feststellen können.

Auffällig war: Die besseren Bilder sind oft nur über ein Premium-Abo verfügbar. Es ist zwar grundsätzlich nachvollziehbar, dass man für mehr Geld auch bessere Qualität (in der Bildsprache) bekommt. Aber es wäre doch auch gut und meiner Meinung nach wichtig, dass beispielsweise auch Redaktionen mit weniger verfügbarem Budget an (inhaltlich) hochwertige Bilder kommen können.

Meine persönliche Schlussfolgerung aus dieser kleinen Analyse ist, nicht nur mehr Zeit für die Bildrecherche einzuplanen, wenn ich auf Bilddatenbanken zurückgreifen muss. Sondern ich versuche auch immer mal um die Ecke zu denken, die Suchbegriffe zu variieren.

 

Was sind eure Erfahrungen? Und was muss wohl passieren, damit sich das Angebot und die Bildsprache endlich ändern?

 


5 Gedanken zu “Bilder von Behinderung – vermittelt durch Bilddatenbanken

  1. Sorry, ich bin diesem Link über Gudrun gefolgt…das erste, was ich absolut negativ empfinde ist, dass ich dieser Seite folgen soll…möchte ich gerade nicht, aber das Scrollen wird doch sehr behindert durch den Button gleich links daneben…

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    1. Hallo,
      danke dir für deinen Kommentar. Es tut mir natürlich leid, dass du dich durch das Layout scheinbar gestört fühlst.
      Darf ich fragen, wie du auf den Beitrag zugegriffen hast? Denn mir wird weder in der PC-Ansicht noch in der mobilen Version ein Folgen-Button angezeigt – zumindest nicht direkt neben dem Artikel, so dass es beim Scrollen behindern würde.

      Freue mich über dein genaueres Feedback!

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