Wie das Magazin N#MMER unsere Gesellschaft verändern will

Foto: Titelblatt des Magazins N#MMER, Mann und Frau schreiben sich digital jeweils eine Nachricht mit dem Inhalt: "Es ist aus!"
Das Cover für die erste Ausgabe von N#MMER; Copyright: Grafikladen Berlin

Treue Leser haben sicher schon bemerkt, dass mir der sprachlich sensible Umgang – vor allem in den Medien – sehr wichtig ist. Und da es viele Medienmacher scheinbar noch nicht verstanden haben, werde ich auch nicht müde, darauf hinzuweisen. Aber da ich nicht immer nur meckern will, stelle ich heute ein Projekt vor, das ich ungelesen wohl als Best Practice bezeichnen würde: das Magazin N#MMER.

Als leidenschaftliche Magazin-Leserin stellte Denise Linke an einem Dezembermorgen unter der Dusche fest, dass kein Magazin existiert, das genau so ist, wie sie es gerne lesen würde. Zu diesem Zeitpunkt dachte sie schon länger darüber nach, wie man das Thema Autismus möglichst wirksam der Öffentlichkeit zugänglich machen könnte. Mit der Duscherkenntnis im Gepäck dachte sie sich dann: Warum mache ich so ein Magazin nicht einfach selbst?

„Ein Freund mit ADHS machte mich dann darauf aufmerksam, dass es so etwas für AD(H)Sler ebenfalls nicht gibt“, erzählt Linke. „Da Autismus und AD(H)S nicht selten zusammen auftreten und sich in vielen Punkten ähneln, machte es also Sinn beide Gruppen aufzunehmen.“

Vielfalt unterstützen

Die Idee für N#MMER – das Magazin für Autisten, AD(H)Sler und Astronauten war geboren und sollte schnell konkrete Formen annehmen. Neben dem Titelbild und einen Inhaltsverzeichnis stehen bereits erste Beiträge. Mit dabei: ein Interview mit Temple Grandin und ein Comic von Fuchskind. Um die erste Ausgabe des Magazins kostendeckend finanzieren zu können, wurde gerade erst das Crowdfunding um einen weiteren Monat verlängert.

Wenn das Crowdfunding erfolgreich ist, erwartet die Leser eine Menge Abwechslung, verspricht Linke:

„Das Thema des ersten Heftes ist ja ‚Liebe‘, die rollen wir von allen Seiten auf. Romantische Liebe, Sexualität, elterliche Liebe und die Liebe zu sich selbst werden thematisiert und es wird sogar eine Foto-Lovestory geben. Aber neben Liebe geht es zum Beispiel auch um Ursachenforschung, Umziehen, Freundschaften im Studium, Tiertherapien und unser USA-Korrespondent erzählt uns, was in den Staaten los ist. Da uns Lesereinbindung wichtig ist wird es auch Umfragen geben. Außerdem möchten wir in jedem Heft einen Autisten oder eine Autistin und einen AD(H)Sler oder eine AD(H)Slerin vorstellen. Ein bunter Strauß an Themen, an die wir immer versuchen offen, unvoreingenommen aber kritisch heranzugehen.“

Sollte das Crowdfunding nicht erfolgreich sein, wird es das Magazin trotzdem geben – allerdings später und eventuell erst einmal nur virtuell.

Foto: Pflanze, weißes Blatt mit Aufdruck "N#MMER", Kanne Kaffee, gefüllte Kaffeetasse und eine Scheibe Orange liegen auf blaugelben Untergrund
Denise Linke hofft, mit ihrem Magazin N#MMER zumindest ein Stück weit etwas in den Köpfen der Menschen und in unserer Gesellschaft zu verändern; Copyright: Grafikladen Berlin

Zielgruppe: alle

Doch warum braucht unsere Gesellschaft so ein Magazin wie N#MMER überhaupt? Linkes Antwort darauf ist einfach, denn: Autisten und AD(H)Sler haben praktisch keine Lobby. Zwar gibt es viele Autisten und AD(H)Sler, die engagiert kämpfen und auch einige Vereine, die sich versuchen einzusetzen – doch diese Bemühungen zerfasern in ihren Augen. „Ich wünsche mir, dass N#MMER die Energien bündeln kann. Einfach weil wir gemeinsam viel stärker sind. Ich hoffe auch, dass das Magazin Betroffenen helfen kann. Eben indem es ein Miteinander schafft. Auch Eltern, Partnern und Freunden würde ich gern helfen können, ‚ihre‘ Autisten und AD(H)Sler besser zu verstehen.“

Ihre wohl mutigste Hoffnung, so sagt sie, ist es, dass das Magazin auch von den Astronauten – also denjenigen, die weder Autisten noch AD(H)Sler sind – gelesen, verstanden und gemocht wird. „Wenn wir ein Medium haben, das cool ist, gut aussieht und qualitativ nicht von anderen Magazinen unterscheidbar ist, dann können wir vielleicht, ganz vielleicht, etwas in den Köpfen der Menschen und damit Stück für Stück in der Gesellschaft verändern. Zusammen, mit unseren Texten.“

Liebe Medien…

Linkes Wunsch an die Medien ist, dass sie endlich zuhören. Nicht nur ihr und dem Magazin, sondern allen Autisten und AD(H)Slern. Sie verweist auf die bedenkliche Tatsache, dass die Wörter „Autismus“ oder „autistisch“ immer öfter im falschen Kontext genannt werden – meist als Stellvertreterwort für mangelnde soziale Kompetenz oder um einfach nur einen Mangel an Verständnis zu symbolisieren. Entsprechende Beispiele gibt es immer mehr in den Medien.

„Es ist vollkommen inakzeptabel, dass die Verwendung des Wortes ‚autistisch‘ nicht von dem Gros der Menschen kritisch betrachtet wird. Ich wünsche mir mehr Sensibilität und weniger ‚autistisches Kommunikationsverhalten‘ von Journalisten, um mich da ironisch ihrer Wortwahl zu bedienen.“

Foto: Junge Frau mit kurzen Haaren und einem weißen Wollschal
Denise Linke ist Herausgeberin des Magazins N#MMER; Copyright: Ben de Bil

Expertin in eigener Sache

Nicht ohne uns über uns – im Prinzip folgt das Magazin N#MMER genau diesem Motto. Und das ist gut so. Grundsätzlich wäre es nicht zwingend erwähnenswert für mich, dass Denise Linke selbst Asperger-Autistin ist. In diesem Fall allerdings ist es schon ein wichtiges Detail, zumindest als Randnotiz. Denn so ist eines ganz klar: N#MMER ist ein Magazin VON Autisten FÜR Autisten.

 

Warum würdest du das Magazin im Handel kaufen? Welche Magazine dieser Art sollte es deiner Meinung nach noch geben?


7 Gedanken zu “Wie das Magazin N#MMER unsere Gesellschaft verändern will

  1. Ich habe das Crowdfunding unterstützt, weil ich der Meinung bin, dass Betroffene am besten darüber aufklären können, was Autismus und ADHS bedeutet. Es gibt zu viele Vorurteile, die leider durch falsche Medienberichterstattung immer wieder geschürt wird. Nachdem ich bis vor wenigen Monaten selbst nicht viel über Autismus wusste, und auch ein falsches Bild im Kopf hatte, denke ich, dass das Magazin auch für Nichtautisten geeignet wäre, und ich würde es mit Freude weiterempfehlen.

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