Wenn die, die vergessen, vergessen werden – Demenz im Krankenhaus

„Wie viel haben Sie denn heute schon getrunken, Herr S.?“, fragt die Schwester den Patienten. Er überlegt kurz und antwortet: „Zwei Gläser“. Zufrieden notiert die Schwester die entsprechende Milliliter-Zahl und verlässt das Zimmer. Dass das Papiersiegel der Wasserflasche noch ungebrochen und die Flasche komplett voll ist, hat sie nicht gesehen – oder ignoriert.

Die beschriebene Szene ist leider nicht meiner Fantasie entsprungen, sondern bittere Realität. Herr S. ist hochgradig dement, seit langer Zeit bettlägrig – und mein Opa. Er konnte die Flasche gar nicht selbst öffnen – er wäre dazu weder körperlich noch geistig in der Lage gewesen.

Auch essen kann er nicht alleine. Trotzdem räumt die Schwester jede Mahlzeit wieder unangerührt ab. „Dann hatte er wohl keinen Hunger“, wird sie später versuchen, sich zu rechtfertigen.

Kliniken nicht eingestellt auf Demenzpatienten

Falsch! Er hatte Hunger, doch konnte er es nicht mehr zum Ausdruck bringen. Und er hätte gefüttert werden müssen. All dies ist klar und deutlich in seiner Akte vermerkt, wenn man sich denn die Zeit nehmen würde, sie zu lesen.

Und obwohl er schon extra auf der geriatrischen Station des Krankenhauses eingeliefert wurde, kommt ihm dort nicht die Pflege zuteil, die er brauchen würde. Und er ist kein Einzelfall: Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft ist etwa die Hälfte der Patienten in Allgemeinkrankenhäusern älter als 60 Jahre. Etwa zwölf Prozent dieser Patienten sind dement. Tendenz steigend.

Und der Großteil der Krankenhäuser ist nicht auf die angemessene Versorgung von Demenzpatienten eingestellt. Demenz ist in der Regel höchstens eine Nebendiagnose, der nicht viel bis gar keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Personalmangel und Zeitdruck tragen ihr Übriges dazu bei, dass das Pflegepersonal den Bedürfnissen der Patienten nicht gerecht werden kann.

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschlandweit nur etwa zehn geriatrische Kliniken mit speziellen Abteilungen für Demenzpatienten. In Nordrhein-Westfalen ist nun der sogenannte Krankenhausplan 2015 in Kraft getreten. Er soll in Zukunft eine deutlich stärker am Patienten orientierte Altersmedizin stärken. Auf ein spezielles geriatrisches Screening soll eine individualisierte Behandlung folgen. Man darf gespannt sein, wie dieser Plan dann in der Praxis umgesetzt wird.

Einer von vielen

Meinem Opa sind seine zahlreichen Krankenhausaufenthalte nicht gut bekommen. Wer weiß, ob das in einer Spezialklinik mit Demenzschwerpunkt anders gewesen wäre. Dennoch steht sein Fall exemplarisch für viele andere Demenzpatienten in deutschen Krankenhäusern, denen es ähnlich ergeht. Höchste Zeit, dass endlich flächendeckend etwas passiert!

PS: Ich bin auf dieses Thema schon gestoßen, bevor mein Opa in der Form betroffen war. Die ganz konkrete Brisanz wird einem aber wohl wirklich erst bewusst, wenn man persönlich involviert ist…

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2 Gedanken zu “Wenn die, die vergessen, vergessen werden – Demenz im Krankenhaus

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