Weg mit den Klischees in den Medien!

Neulich bei der beruflich bedingten Bildersuche in einer Bilddatenbank: Ich gebe das Stichwort „Autismus“ ein. Es erscheinen traurige Gesichter, viele Bilder in schwarz-weiß oder der wahrscheinlich schon viel zu oft gezeigte Junge hinter einer Milchglasscheibe (, den ich hier ganz bewusst nicht zeige).

Damit wollte und konnte ich meinen Artikel definitiv nicht bebildern. Denn mein Interviewpartner sagte etwas ganz anderes und räumte mit genau diesen Klischees über Autismus auf beziehungsweise positionierte er sich klar gegen sie.

Hoch leben die Klischees!

Liebe Bildagenturen, warum macht ihr das? Warum bietet ihr Journalisten und anderweitig Medienschaffenden fast ausschließlich „solche“ Fotos an? Warum sind Menschen mit Behinderungen immer irgendwie traurig oder kränklich? Warum werden Rollstuhlfahrer fast  ausnahmslos beim Arzt, im Krankenhaus oder in anderen Situationen gezeigt, die sie eher hilfebedürftig darstellen? Von selbstbestimmtem Leben ist da keine Spur!

Oder es gibt das andere Extrem: Man sieht betont glückliche (angebliche) Rollstuhlfahrer, beispielsweise im Kreise ihrer Arbeitskollegen. Doch man sieht auf dem Foto schon förmlich, wie Person X im Rollstuhl nur darauf wartet, aufzustehen und davon zu laufen.

Gut, ich bin kein Fotograf. Aber als Journalistin ist es mir für meine Artikel und Interviews doch in der Regel auch immer irgendwie möglich, authentische Personen für ein Gespräch zu gewinnen. Das muss doch auch als Fotograf möglich sein! Gerade heutzutage mithilfe der sozialen Netzwerke.

Angebot und Nachfrage?

Und wer vor allem mit Bilddatenbanken arbeitet und dann nur solche Bilder findet wie oben beschrieben, der ist vielleicht auch bequem und benutzt dann genau diese. Ich versuche immer quer zu denken und über andere Stichworte trotzdem ein passendes Bild zu bekommen – nicht immer leicht, oft aufwendig, manchmal vergeblich.

Aber ist es vielleicht der Großteil der Medien selbst, der durch seine oft einseitige und leid-orientierte Berichterstattung genau solche Fotos herausfordert? Weil die Nachfrage für solche Bilder höher ist, werden sie auch entsprechend angeboten.

Also sind es nicht nur Bilder im Sinne von Fotos, sondern auch Klischeebilder in den Köpfen, die sich ändern müssen. Um Journalisten eine kleine Hilfestellung zu geben, wie sie diese Klischees am besten überwinden und vielleicht auch Berührungsängste abbauen können, hat der Berliner Verein Sozialhelden e.V. in Kooperation mit der Aktion Mensch das Online-Portal Leidmedien.de ins Leben gerufen.

Das Leid mit den Medien

Dort erhalten Medienschaffende „Tipps für eine Berichterstattung aus einer anderen Perspektive und ohne Klischees“ – sei es für die Wortwahl oder den thematischen Herangang. Das passiert allerdings nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, der Vorschriften zur perfekten und einzig wahren Sprache macht. Viel mehr will das Team von Leidmedien.de sensibilisieren und Anregungen geben.

Bei mir hat es jedenfalls funktioniert: Seit ich auf das Portal aufmerksam geworden bin und mich dort interessiert durchgelesen habe, hat sich auch meine Arbeitsweise noch mehr verändert. Auch wenn ich der Meinung war, schon vorher recht klischeefrei zu berichten und zu formulieren, muss ich gestehen, dass ich mich hier und da doch noch ertappt fühlte. Aber: Ich habe es angenommen und verinnerlicht. (Diese Angabe ist ohne Gewähr!)

Und ja, ich empfehle Leidmedien.de sehr gerne an andere Vertreter der schreibenden Zunft weiter. Vielleicht schlägt es ja irgendwann so große Wellen, dass ich mich bei der Recherche in Bilddatenbanken nicht mehr so ärgern muss?

Was haltet ihr von dem Projekt Leidmedien.de?


8 Gedanken zu “Weg mit den Klischees in den Medien!

  1. Liebe Nadine,
    mir sind die Leidmedien vor einer Weile begegnet und ich finde die Idee dahinter und auch die Umsetzung sehr wichtig und gut!
    Ich bin überzeugt davon, dass unsere Wortwahl und die Art, wie wir über etwas oder ein Lebewesen sprechen, Realitäten schafft. Deshalb ist es mir schon seit gefühlten Ewigkeiten selbstverständlich, beide Geschlechter zu nennen. Gesprochen und erst recht geschrieben. Mit der Zeit hat sich dann meine Sprachverwendung auch für andere Gruppen, die gerne im Diversity-Topf landen, sensibilisiert: People of Colour, Lesben und Schwule, trans- und intersexuelle Menschen… Und seit ich mal in einer Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung gearbeitet und die Behinderungen von außen, mit denen sie konfrontiert sind (Ignoranz, Mitleid, Unbeholfenheit, Verachtung…) kennengelernt habe, bin ich auch hier sensibler geworden.
    Ich finde, es ist schlicht ein Zeichen von Respekt, mich darum zu bemühen, dass ein Mensch sich durch mein Sprechen nicht ausgegrenzt/benachteiligt/verletzt fühlt.
    Danke, dass du darüber schreibst!
    Liebe Grüße
    ina
    Hier hab ich mal übers „Gendern beim Bloggen“ geschrieben: http://konflikte-entfalten.de/gendern-beim-bloggen-was-denn-sonst-blogparade/

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    1. Liebe Ina,
      vielen Dank für deinen durchdachten und qualifizierten Kommentar. Ich hätte am liebsten unter quasi jedem einzelnen Satz unterschrieben.
      Wobei ich ja selbst zugeben muss, dass ich ganz persönlich kein sonderlich großer Fan von Binnen-I und ähnlichem bin. Gleichzeitig bin ich mir der Macht von Worten jedoch durchaus bewusst! Und ich möchte von mir behaupten, dass ich doch zumindest sensibilisiert bin und darauf achte, ggf. genderneutral zu formulieren.
      Außerdem habe auch ich die Erfahrung gemacht, dass spätestens die direkte Konfrontation mit einer Problematik oder am besten noch der direkte Kontakt mit vermeintlichen Gruppen am Rande unserer Gesellschaft, uns immer noch am besten empfänglich und sensibel machen.
      Worte haben eine große Macht und wenn man sie beruflich und/oder bloggend nutzt, sollte man sich immer auch ihrer Wirkung bewusst sein. Auch wenn natürlich niemand perfekt ist…

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