Von der Gesellschaft abgestempelt: Übergewicht

Foto: Drei freie Klappsitze in einem RegionalzugEin Mann steigt in den Zug. Abgehetzt und etwas genervt schaut er sich um. Kein Platz mehr frei. Zumindest nicht für ihn. Denn er bringt geschätzte 150 Kilogramm auf die Waage und benötigt noch einen zweiten halben Platz dazu.

Genau das passierte diese Woche auf meiner Pendelstrecke. Der Mann machte seinem Ärger dann bei zwei Bahnmitarbeiterinnen Luft: Da die Wagenstandsanzeige am Bahnsteig nicht dem entsprach, wie der Zug tatsächlich hielt, konnte er sich nicht schnell genug einen Platz im Fahrradabteil sichern.

Hier zuckte ich das erste Mal innerlich ein wenig zusammen. Irgendwie traurig, dass er nur dort einen passenden Platz für sich vermutet. Warum gibt es eigentlich keine XXL-Sitze?

Aber zurück in die Situation: Die DB-Mitarbeiterinnen erklärten ihm dann, dass sie natürlich keinen Einfluss auf die Wagenstandsanzeige hätten, es aber gerne weiterleiten würden. Ob er denn sicher wäre, dass im Fahrradabteil nichts mehr frei wäre? Er solle doch sonst auch mal oben schauen, da hätten sie eben noch viele vereinzelte Plätze gesehen. Nur damit war ihm natürlich nicht geholfen.

Ich saß währenddessen auf einem Klappsitz neben der Treppe nach oben. (Wir befinden uns in einem Doppelstock-RE.) Neben mir war noch ein Klappsitz frei. Unter dem freien und meinem Sitz hatet sich unsere müde French Bully-Dame breit gemacht und schnarchte vor sich hin. Die Damen von der DB waren inzwischen weitergezogen und der Mann stand schweratmend da und überlegte, was er tun soll.

Ich fragte ihn, ob er sich nicht auf meinen Platz setzen möchte. Er schaute irritiert, fast schon etwas argwöhnisch. Dann sah er, dass neben mir noch ein weiterer Platz frei wäre. Er zögerte. Ich sagte ihm, dass es kein Problem sei. Ich könnte mich ja einfach oben auf eine Treppenstufe setzen. (Mit Hund im Gepäck sind die engeren Viererabteile auch nicht meine erste Wahl.) Er wollte protestieren, brach aber mitten im Satz ab. Er bedankte sich mehrfach und bot sogar an, wir könnten uns auch zusammen hinquetschen. Ich lächelte und lehnte ab. Fliegender Wechsel.

Als ich es mir mit Hund oben auf der Treppe bequem gemacht hatte, sah ich sie. Die Blicke der anderen Mitreisenden. Ungläubig huschten sie immer wieder zu mir hoch und machten dann noch einen Schlenker auf den 150-Kilo-Mann. Einige schüttelten sogar den Kopf. Scheinbar ohne jegliches Verständnis, warum ich ihm freiwillig meinen Platz angeboten habe.

Auf ihrer Stirn stand quasi deutlich geschrieben: „Der Typ ist fett. Selbst Schuld, wenn er keinen Platz findet!“

Auch er sah ihre Blicke. Scheinbar cool ignorierte er sie. Zumindest nach außen. Wahrscheinlich musste er schon viele blöde Blicke und wohl auch Kommentare über sich ergehen lassen.

Mal ganz ehrlich: Was soll das? Warum werden übergewichtige Menschen heutzutage immer noch abgestempelt? Egal ob selbst „angefuttert“ oder krankheitsbedingt – übergewichtige Menschen sind keine Menschen zweiter Klasse! Doch egal wo man geht und steht, hat man das Gefühl, dass die Gesellschaft sie in Schubladen steckt.

Klar, gesund ist starkes Übergewicht sicher nicht. Aber wir wissen bei einem fremden Menschen auf der Straße nicht, wie es dazu gekommen ist, geschweige denn, was er vielleicht schon dagegen unternommen hat.

Ich finde es schade, dass scheinbar niemand anderes an dem Tag auf die Idee kam, den Platz für ihn frei zu machen. Die beiden jungen Frauen mir gegenüber zum Beispiel. Sie kannten sich nicht und hätten mühelos noch einzelne Sitzplätze finden können. Stattdessen verdrehten sie abschätzig die Augen und schauten mich zwischendurch an, als wäre ich verrückt.

Nein, ich war einfach nur umsichtig. Und ich wurde beim Aussteigen mit erneutem Dank und Wünschen für einen schönen Abend belohnt. Was will ich mehr?

Seid ihr in so einer oder einer ähnlichen Situation schon einmal freiwillig aufgestanden? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?


5 Gedanken zu “Von der Gesellschaft abgestempelt: Übergewicht

  1. Wenn ich gerade kann, würde ich sicherlich aufstehen. Schwierig ist für mich derzeit allerdings, dass ich, obwohl ich ja noch jung bin, oft nicht einfach aufstehen kann. Ich habe eine chronische Entzündung (oder irgendetwas derartiges – 3 Ärzte, 5 Meinungen) im Schienbein und die Treppen in Regiozügen oder die 10 Minuten Stehen im Bus sind an schlechten Tagen für mich schmerztechnisch kaum aushaltbar. Gerade da ich grundsätzlich ja gern aufstehen würde, tut es mir dann doppelt weh, wenn ich dann sogar von irgendjemandem aufgefordert werde meinen Platz aufzugeben und nein sagen muss. Verständnis dafür, dass man auch mit 26 Jahren nicht immer so kann wie man möchte gibt es leider auch absolut nicht…

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    1. Danke für deinen Kommentar, Amy. Das ist natürlich auch noch mal eine andere Situation. Ich persönlich hätte dann sämtliches Verständnis für dich. Aber ich befürchte, es gibt viele Menschen, die einem vor allem jüngeren Menschen das nicht glauben würden. Vor allem, wenn es nichts Sichtbares und Offensichtliches ist. Schade, dass unsere Gesellschaft sooo sehr nach offensichtlichen Äußerlichkeiten urteilt. Was dann auch solche „Fälle“ wie deinen einschließt…

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  2. Toller Text.. genauso verhält es sich übrigens auch mit untergewichtigen Menschen (v.a. Frauen).. nicht jede ist magersüchtig, auch wenn die Schlussfolgerung bei dem Mager-Trend zugegebenermaßen nahe liegt.. auch solchen Frauen kann es ziemlich zusetzen, abschätzige Kommentare oder Blicke zu bekommen.
    Zu deiner Frage, hmm, zumindest erinnere ich mich gerade an keine solche Situation. Ich würde aber auch aufstehen und finde es toll, dass du es gemacht hast. Ich hätte dir eher zustimmend zugenickt als dich abschätzig angesehen.^^

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    1. Vielen Dank für die Blumen und deinen Beitrag, Claudia.
      Dein Einwand mit den untergewichtigen Menschen ist natürlich auch berechtigt. Es ist traurig, wie oberflächlich unsere Gesellschaft urteilt und diese inneren Urteile auch nach außen trägt. Ungeniert und unberührt davon, dass betroffene Personen es zu spüren bekommen.

      Eigentlich möchte ich gar kein Lob oder so dafür haben, dass ich aufgestanden bin. Es ist für mich einfach selbstverständlich. Aber danke! 😉

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