Abercrombie & Fitch: Bei Größe L hört die Schönheit auf

„In jeder Schule gibt es die coolen und beliebten Kids. Wir wollen die coolen Kids. Viele Menschen haben in unserer Kleidung gar nichts zu suchen. Grenzen wir Menschen aus? Na, klar!“

So äußerte sich Mike Jeffries, CEO des Modelabels Abercrombie & Fitch (A&F), bereits 2006 in einem Interview über seine Firmenphilosophie. Doch erst jetzt trifft diese Aussage scheinbar einen empfindlichen Nerv der Zeit. Weiterhin betonte er, dass er keine dicken und hässlichen Menschen als Angestellte möchte oder dass solche Leute Kleidung von A&F tragen.

Deswegen gibt es Oberteile für Frauen auch maximal in Größe L, Hosen sind nur bis US-Größe 10 (Deutschland: Größe 40) erhältlich. Bei der Männerbekleidung scheint er etwas toleranter zu sein: Es gibt auch Shirts in XL oder XXL. Allerdings sei diese Ausnahme ausschließlich für muskulöse und durchtrainierte Männer gedacht. Denn A&F-Kunden müssen schön, jung und durchtrainiert sein – vorzeigbar, so wie die Kleidung, die sie tragen.

Fragwürdiges Weltbild

Seit ich das erste Mal von diesen Äußerungen gehört habe, kann ich eigentlich nur empört mit dem Kopf schütteln! Ist dem Mann eigentlich bewusst, welches Weltbild und welches Schönheitsideal er damit nach außen transportiert?!? Menschen, die keine vermeintlich perfekten Maße und Waschbrettbäuche haben, werden als hässlich bezeichnet. Und was noch viel schlimmer ist: Nur weil sie hier und da vielleicht ein paar Fettpölsterchen mehr haben, wird ihnen abgesprochen, dass sie es wert sind, Kleidung einer bestimmten Marke zu tragen. Das ist Diskriminierung vom Feinsten!

Und wieder wird uns allen vorgegaukelt, dass nur schlanke Menschen schön seien. Da stellt sich doch wirklich die Frage, ob eine derartige Oberflächlichkeit heutzutage schlichtweg eine Voraussetzung ist, um in der Modebranche Fuß zu fassen?

Ich erinnere an Karl Lagerfeld, der die Sängerin Adele Anfang 2012 als „zu fett“ bezeichnete. Auch wenn er im Anschluss wieder zurückruderte und sich bei ihr wohl mit einer gefühlten LKW-Ladung Chanel-Handtaschen entschuldigte – es war ein persönlicher Angriff unter der Gürtellinie. Auch Mike Jeffries beleidigt mit seinen Äußerungen massiv potentielle Kunden.

Und denen stinkt das gewaltig! In der ersten Reaktionswelle wurden viele selbst beleidigend und wetterten, dass gerade Jeffries „selbst nicht der Hübscheste“ oder gar die „Nachgeburt eines Ogers“ sei. Wer angegriffen wird, schlägt zurück. Und in diesem Fall ebenfalls mit Bemerkungen bis unter die Gürtellinie.

Reaktion: Empörung und Protest

Doch ob Mike Jeffries diese Beschimpfungen wirklich treffen, bleibt zu bezweifeln. Viel mehr wird ihm zu schaffen machen, dass Abercrombie & Fitch durch diese Aussagen zwar nun wieder allgemeine Aufmerksamkeit hat, aber eben eindeutig negative. Auf Facebook und Twitter ereignet sich seitdem ein Shitstorm wie er im Buche steht. Viele User der sozialen Netzwerke rufen nun alle Kunden zum Boykott und Kaufstopp auf. Damit A&F Konsequenzen spüren möge.

Der Drehbuchautor Greg Karber geht in seinem YouTube-Video sogar noch weiter: Er ruft alle A&F-Kunden dazu auf, ihre dort gekaufte Kleidung an Obdachlose zu verschenken und bei Twitter ihre Aktionen unter dem Hashtag #FitchTheHomeless zu publizieren. Seine Vision: Wenn jeder dies tatsächlich täte, könne A&F zu einer Marke der Ausgegrenzten werden. Genau das, was CEO Mike Jeffries wohl am allerwenigsten will. Denn Obdachlose scheinen in seinem Weltbild, weder cool noch stylish geschweige denn schön zu sein.

Unglaubwürdige Entschuldigung

Inzwischen hat sich Jeffries übrigens für seine Aussage entschuldigt. Auf der offiziellen Facebook-Seite von Abercrombie & Fitch heißt es unter anderem:

„Auch wenn ich der Meinung bin, dass dieses 7 Jahre alte Zitat aus seinem Kontext gerissen wurde, tut es mir aufrichtig leid, dass meine Worte in so einer Weise interpretiert werden und so für Wirbel sorgen. A&F ist eine aufstrebende Marke, die sich, wie andere Marken auch, an eine spezielle Zielgruppe richtet. […] Wir sind komplett gegen jegliche Diskriminierung, Mobbing, abwertende Charakterisierungen oder anderes anti-soziales Verhalten bezüglich Rasse, Geschlecht, Körpertyp oder andere individuelle Merkmale.“

Klingt ja irgendwie sehr einsichtig und politisch korrekt. ABER: Diese Äußerung kauft ihm nur scheinbar kaum jemand ab. Der Großteil der User diskutiert und hetzt unter diesem Post munter weiter. Vorwürfe werden laut, dass er nur wegen des Medienechos zurückrudert. Nachvollziehbar! Vereinzelt versuchen hauptsächlich Angestellte des Unternehmens zu beschwichtigen und einzulenken. Bis jetzt erfolglos. Der Shitstorm wütet weiter.

Was bleibt?

Dass ein einzelner Mensch beziehungsweise ein Unternehmen sich anmaßt, in dieser Art und Weise über Menschen zu urteilen, ist in meinen Augen wirklich das Schlimmste an dieser Geschichte. Es ist eine Entscheidung zu sagen, dass man nicht alle Größen zum Kauf anbietet, aber es ist eine ganz andere Sache, Menschen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung zu beurteilen – sei es als nicht cool oder gar hässlich. Das lässt tief blicken, Mr. Jeffries!

Ob man bei einem Unternehmen mit dieser Firmenphilosophie zukünftig noch kaufen möchte, sei jedem selbst überlassen. Ich muss diese Entscheidung gar nicht großartig treffen, da ich das bisher nie getan habe. Wahrscheinlich wusste ich instinktiv, dass ich es schwer haben würde, dort etwas Passendes zu finden…

Wie denkst du über die Einstellung von Mike Jeffries?


8 Gedanken zu “Abercrombie & Fitch: Bei Größe L hört die Schönheit auf

  1. Das Ironische daran ist, dass Mike Jeffries vorgeworfen wird, selbst kaum zu der Zielgruppe der „gut aussehenden“ Menschen zu gehören. Das liegt ja immer im Auge des Betrachters – und wer auf den Schönheits-OP-Look steht, der soll meinetwegen an sich rumschnippeln lassen.

    Bei dem ganzen Spott über das Gesicht von Jeffries (eine Googlesuche reicht aus) stößt mir die Diskriminierung eines Diskriminierenden schon bitter auf. Ich will nicht sagen, dass er ein wenig Häme nicht verdient hätte. Aber es überschreitet so einige Grenzen für mich.

    Davon mal abgesehen … Wer sind eigentlich diese Abercrombie & Fitch?

    Ein kleines Cartoon-Statement dazu auf meinem Blog: http://lemonbits.de/2013/05/29/lemonbits-13-abercrombie-fitch-vs-coca-cola-light/ 😉

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    1. Das Mobbing von Jeffries aufgrund seines Äußeren finde ich teilweise auch grenzwertig. Ist nicht wirklich eine „vernünftige“ Argumentation, wenn man sich dann auf diese Schiene begibt. Eigentlich gar keine. In meinen Augen auch ein Armutszeugnis für diese Leute.
      Ich finde auch nicht, dass Jeffries so aussieht, wie er seine Kunden gerne hätte (nämlich cool und gutaussehend). Aber es sollte in jeder Hinsicht Grenzen geben.

      Gestern im Bus ist mir tatsächlich jemand in einem A&F-Pulli begegnet. Habe mich direkt gefragt, ob sie in Jeffries Augen wohl hübsch genug wäre. 😉
      Aber stimmt schon: Abercrombie & WHAT?

      Danke auch für dein Cartoon-Statement!

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  2. Ich habe interessanterweise vor zwei oder drei Wochen schon mit meinen Schülern (7.Klasse mit bevorzugter Marke Hollister, ein Abkömmling von A&F) gesprochen. Sie waren zwar erzürnt und wollten ihre Meinung kundtun, verzichten auf die Mode wollen sie nicht. Und das ist leider das einzige, was Jeffries schmerzen würde – abgesehen von den OPs, denen er sich nach Aussage seines Gesichtes unterzieht.

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    1. Hm, da sind die Schüler also erzürnt und würden das auch kundtun, aber die letzte Konsequenz, nämlich den Boykott, wollen sie dann doch nicht umsetzen. Schade. Vielleicht liegt es am Alter? Aber „leider“ ist es eben auch die Zielgruppe. Und wenn gerade DIE nichts tut, dann wird Mr. Jeffries auch nichts merken. Leider! Dass ich nicht in seinen Läden kaufe, tut ihm nicht weh. Hab ich eh nie getan. Und verloren hätte ich nach seinem Weltbild da sowieso nichts…

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  3. Einsichtig klingt die Entschuldigung aber auch nur auf den ersten Blick. Dieser Teilsatz: „[…]die sich, wie andere Marken auch, an eine spezielle Zielgruppe richtet.“ bestätigt doch im Kern, was auch im Zitat von 2006 das Problem war: Ja, die Marke ist nun mal nur für die coolen Kids gedacht, das soll so sein und auch so bleiben und ja, sie diskriminieren und finden das ok. Alles andere in dieser Entschuldigung ist für mich eigentlich nur rhethorisch geschickte Ausweichtaktik – nein, natürlich soll niemand gemein zu anderen Menschen sein, aber naja, wenn es doch so ist, dass die eigene Zielgruppe nun mal jung, hübsch, schlank und gut aussehdend ist, muss man das ja wohl sagen dürfen – oder was möchte er damit aussagen, erst seine Aussage an sich zu bestätigen und sich dann gegen Diskriminierung zu äußern? Finde ich nicht besser als die ursprüngliche Aussage.

    Die Botschaft an sich ist furchtbar. Sollte die Zielgruppe für Mode nicht einfach „Mensch“ heißen? Das ungesunde Schönheitsideal wird doch schon dadurch befördert, dass junge Mädchen es im TV, in Zeitschriften, in der Werbung sehen – muss es nun wirklich auch noch von Modefirmen umgesetzt werden? Kleidung ist oft Statussymbol unter Jugendlichen und trägt dadurch zur Zugehörigkeit bei. Das ist an sich ein verwerfliches Prinzip, aber leider doch die Realität. Dass nun bestimmten Kids gar nicht erst der Zugang zu den Kleidungsstücken offen steht, die ihnen etwas mehr Akzeptanz einbringen würden, macht es definitiv nicht besser.

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    1. Ja, da gebe ich die vollkommen recht, Amy! Die Entschuldigung ist doch einfach nur eine Formsache für ihn! Und im Prinzip sagt er nur, dass sich seine Meinung nicht geändert hat, sondern dass er es eigentlich sogar noch doof findet, dass darauf jetzt so herumgeritten wird. Ich finde diese „Entschuldigung“ auch nur Augenwischerei und Schön-Wetter-Macherei. Hätte er sich eigentlich auch sparen können, aber da wird die Marketingabteilung ihre Finger mit im Spiel gehabt haben.

      Zielgruppe = Mensch – ja, das wär’s doch mal! Aber damit müsste man sich in Sachen Vermarktung ja viel mehr Gedanken machen. Da ist es doch einfacher nur die coolen und hübschen Kids anzusprechen. Dass A&F (aber auch andere) damit weiterhin das völlig ungesunde Schönheitsideal weiter vorantreiben und noch weiter in den Köpfen der jungen Mädchen, die sich und ihren Platz im Leben erst noch finden müssen, verankern, scheint egal. Damit macht die Werbeindustrie viele Seelen kaputt, glaube ich. Sehr traurig…

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