Laura M. Schwengber hat den Gebärden-Groove

Foto: Laura M. Schwengber beim Gebärden
Laura M. Schwengber in Aktion; Copyright: KAQ, B. Landsee

Schwarzer Pulli, Brille und fliegende Hände: Laura M. Schwengber ist Gebärdensprachdolmetscherin. Bei YouTube habe ich sie zum ersten Mal gesehen. Dort gibt es zahlreiche Videos, in denen sie aktuelle Chartsongs gebärdet. Wie genau das alles abläuft und was ihr daran besonders Spaß macht, erzählt sie heute auf NaLos_MehrBlick.

NaLos_MehrBlick: Stell dich doch bitte kurz vor! Wer bist du? Und was machst du?

Laura: Mein Name ist Laura M. Schwengber. Das M. gehört zu meinem dritten Vornamen und ich mag es so gern, dass es immer mitkommen darf. Ich atme viel und gern. Am zweitliebsten schlafe ich, aber gleich danach gehört Gebärdensprache zu meinen Leidenschaften. Ich bin Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache. Manchmal darf ich sogar Konzerte dolmetschen.

Du studierst derzeit noch „Deaf Studies“. Welche Pläne hast du nach dem Studium?

Ich studiere Audio-/ Gebärdensprachpädagogik und Englisch an der Humboldt-Uni in Berlin. Nach dem Studium kommt das Referendariat und danach könnte ich unterrichten. Ich denke, ich werde weiter atmen, schlafen und sicher etwas mit Gebärdensprache, Musik, Dolmetschen, Unterrichten und Spaß machen. Ich hab seit neun Jahren die gleiche Telefonnummer – lass uns also am besten in fünf Jahren nochmal telefonieren!

Die Gebärdensprache ist ja nicht unbedingt die gängigste „Fremdsprache“, die man sich vornimmt zu lernen. Wie bist du dazu gekommen?

Gebärdensprache fand ich schon immer spannend. Als ich zwölf war, lernte ich meinen besten Freund kennen. Im Laufe unserer Freundschaft ist Edi ertaubt und erblindet. Weil das aber beim Spielen gestört hat, haben wir angefangen unsere eigenen „Geheimsprachen“ zu erfinden. Nach dem Abi hatten wir dann so viele verrückte Sachen erfunden, dass ich beschlossen hab, mal etwas Vernünftiges zu lernen. Gebärdensprache ist eine vollständige Sprache und kann alles ausdrücken, was Lautsprachen auch können. Das hat mich gewurmt – das wollte ich auch können!

Foto: Laura M. Schwengber beim Gebärden
Copyright: KAQ, B. Landsee

Viele kennen dich durch deine YouTube-Musikvideos. Wie ist es denn zu deiner Zusammenarbeit mit N-JOY gekommen?

N-Joy ist der Jugendradiosender vom NDR und gehört damit zur ARD-Gruppe. Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich Barrierefreiheit auf die Fahnen geschrieben und bauen dazu ihr Angebot an Untertitelungen, Audiodeskriptionen (also Hörfilme für blinde Menschen) und Gebärdensprache aus. Ein Online-Redakteur hat dann zufällig ein Gebärdensprachvideo mit Musik im Internet entdeckt und meinte: „Lass uns das doch auch mal machen.“ Über die volontierende Freundin einer ehemaligen Mitbewohnerin meiner Kommilitonin, die es selbst nicht machen wollte, kam der Kontakt zu N-Joy zustande. Ecke 25 war dann ich und zwei Wochen später stand ich im Studio und es ging los.

Wie läuft die Produktion der Videos ab?

Zuerst einigen wir uns auf einen Termin und buchen das Multimedia-Center der Online-Redaktion. Das sind zwei Räume – meine Herrn, tolle Technik gibt‘s! Das fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Genauso toll sind auch die Kollegen vom NDR, die sich vorher um die Rechte für Songs und Videos kümmern. Bei manchen Musikern und Managements geht das recht unkompliziert, bei anderen ist es etwas aufwändiger. Aber die NDR‘ler sind ganz fantastisch! Sie sagen zwar immer, es war alles knapp und ziemlich kurzfristig, aber bisher haben sie zum Drehtag immer alles parat gehabt! (Ich vermute ja insgeheim, die können zaubern und wollen es nur nicht verraten… Also pssst!).

Dann geht‘s ins Studio, Maske und Kostüm (welches schwarze Langarmshirt soll‘s diesmal sein??) mach ich selbst. Wir sind immer großzügig und lassen alle Kollegen an dem Tag auch mithören. Ohne ordentlich wumms werden die Videos sonst nur halb so nett. Meist spielen wir es einmal ein, ich gebärde mich warm, groove mich sozusagen ein; währenddessen einigen sich die Kollegen im Schnittraum auf eine Hintergrundfarbe, die zum Video passt und dann geht es los. Der erste Take passt dann meist schon und es geht weiter zum nächsten.

Irgendwann gibt‘s Mittagspause in der NDR-Kantine. Das ist mindestens genauso lustig, wie der eigentliche Dreh: Stories aus dem Arbeitsalltag von Radio-Redakteuren, Berichte über Begegnungen mit Stars und Sternchen, Betriebsfeten und Weihnachtsfeiern werden ausgewertet. Eigentlich alles, wie bei anderen großen Firmen auch, nur dass es alles von außen irgendwie mysteriöser und so herrlich geheimnisvoll wirkt. 🙂 Die Kollegen sind auf jeden Fall klasse und ich bin immer ein bisschen stolz, wenn ich mittendrin sitzen darf. Hach… 🙂

Wie aufwändig ist die Produktion?

Die Vorarbeit ist – zumindest für mich – eigentlich das Aufwändigste. Die Kollegen zaubern an den Rechten und ich schwitze vorm Spiegel und beim Entschuldigen bei den Nachbarn…  (Ihr seid toll! Danke) Der Dreh selbst geht eigentlich ratzfatz. Einmal anspielen zum Warmmachen, Licht und Kamera einstellen und dann drückt wer auf den Knopf und los geht‘s. Manchmal brauchen noch einen zweiten Take, aber eher selten. Beim Dreh im Frühjahr 2013 sind zum Beispiel 17 oder 18 Songs an einem halben Nachmittag entstanden. Schnitt und alle Nachproduktion machen dann die NDR‘ler.

Foto: Laura M. Schwengber beim Gebärden
Wenn sie einzelne Lieder gebärdet, geht Laura auch oft über das reine Dolmetschen hinaus; Copyright: KAQ, B. Landsee

Ich persönlich stelle mir das (Simultan-)Dolmetschen relativ anstrengend vor. Ist es das tatsächlich?

Da muss man unterscheiden: Beim Musik-Gebärden habe ich die Texte auswendig gelernt und spule sozusagen den Text ab, wie der Sänger, der auf den richtigen Anschlag des Schlagzeugers anfangen muss, passe ich auch meine Bewegungen entsprechend an.

Das Dolmetschen im Arbeitsalltag, zum Beispiel beim Arzt, bei Hochschulvorlesungen oder Betriebsversammlungen, ist ja spontan. Wenn möglich, erhalten wir vorher Material und können uns vorbereiten, wissen ungefähr, was auf uns zu kommt, aber tatsächlich auswendig gelernt hat das eigentlich niemand. Dieses simultane Dolmetschen ist ziemlich anstrengend. Deshalb sind wir in der Regel bei Einsätzen ab einer Stunde zu zweit im Einsatz und wechseln uns alle 10 Minuten oder 15 Minuten ab. So bleibt die Qualität möglichst gleichbleibend hoch und der zweite Dolmetscher (der „Ko“) kann den aktiven Dolmetscher unterstützen.

Was ist die größte Herausforderung, wenn du Musik/Lieder vor der Kamera übersetzt?

Hm, gute Frage. Es gibt viele kleine Sachen, die das Gesamtkonstrukt zur Herausforderung machen. Grundvoraussetzung ist auf jeden Fall so etwas wie „eine gute Tagesform“: Ausgeschlafen sein, sich vorbereitet fühlen, rechtzeitig Bahntickets kaufen und Anreise planen, Tage zur Vorbereitung freischaufeln, gute Laune mitbringen. Bisher habe ich mich immer so gefreut, dass das kein größeres Problem war. Auch die Songs waren für mich ok, so dass ich mich bei keinem furchtbar überwinden musste, es zu üben. Das alles erleichtert viel. Die Texte in Gebärdensprache übersetzen ist an sich ist nicht so das Problem – das ist ja mein Arbeitsalltag. Manchmal sind Texte aber sehr zweideutig und man muss sich alles öfter durch den Kopf gehen lassen. Am besten sogar die Künstler selbst fragen. Das geht aber nicht immer. Die Übersetzung dann aber auf die Musik anzupassen, dauert manchmal recht lang.

Foto: Laura M. Schwengber beim Gebärden eines Konzertes
Copyright: NDR, S. Wessel

Worin liegt vielleicht der Unterschied zu Gesprächen oder Reden, die übersetzt werden?

Gespräche und Reden dolmetschen wir in unserem Arbeitsalltag wesentlich öfter als Konzerte. Wenn möglich, bekommen wir die Skripte vorher und können uns dann entsprechend vorbereiten. Es hilft uns zum Beispiel zu wissen, wie ein Name genau buchstabiert wird oder wer welche Position in einer Firma hat. Wir sind hier eine Art „Leinwand“, wir treten in der Regel in gedeckten Farben auf, tragen keine ablenkenden Schmuckstücke oder sonstige Dinge, die stören können. Wir sind eben „nur die Dolmetscher“.

Konzerte können die Möglichkeit zu mehr Interpretation bieten, möglicherweise sogar zum Einbringen eigener Ideen. Deshalb spreche ich selbst auch ungern vom Konzerte oder Musik“dolmetschen“. Ich mache aus den Shows „mehr“, als sie nur zu übersetzen. In Absprache mit den Musikern interpretiere ich viel mehr als es für ein reines Dolmetschen angemessen wäre. Ich mache daraus sozusagen auch eine Art Show.

Welches Video/Lied ist dein Favorit? Und warum?

Der Dreh zu „10 kleine Jägermeister“ war schon grandios komisch. 🙂

Welche(n) Song(s) würdest du gerne noch übersetzen? Und warum?

Herbert Grönemeyer mit „Musik nur wenn sie laut ist“. Das ist ja sozusagen wie eine Hymne. Bisher hat es noch nicht geklappt, aber vielleicht wird es ja noch was. Ansonsten gehe ich gern in Musicals und dachte neulich spontan beim König der Löwen: „Darauf hätte ich mal Lust“. Ich lass mich auch bemalen. 🙂

Foto: Laura M. Schwengber beim Gebärden
Copyright: M.Bublitz

Inwiefern haben dein Studium und dein Arbeit für N-JOY deine Einstellung zum Thema Gehörlosigkeit und Behinderungen im Allgemeinen verändert/beeinflusst?

Das ist eine gute Frage! Ich kann nicht sagen, wie diese Zusammenarbeit meine Einstellung im konkreten verändert hat. Aber das hat sie sicher.

Schon vor dem Studium der „Deaf Studies“ hatte ich eine eher positive Einstellung. Gehörlosigkeit ist einfach viel mehr als nur „nicht hören können“. Eigentlich war es mir schon immer recht egal, was mein Gegenüber ist; taub, hörend, blind, sehend, gehend, rennend, haarig, glatzig, brillig… Mich interessiert eher der Mensch dahinter. Um einige Fragen komme ich trotzdem nicht herum. Ich bin dankbar für Menschen, die dann aus ihrer Sicht und mit ihrer reichen Erfahrung meine Wissenslücken schließen. Und heute kann ich ja wenigstens auch ab und an was Interessantes über das Gebärdensprachdolmetschen erzählen und muss nicht nur fragen. 🙂

Was mich aber definitiv an der Zusammenarbeit beeinflusst hat, war der Umgang „der anderen“ mit dem Thema Gebärdensprache. Kommentare unter den Youtube-Videos und im N-Joy-Gästebuch sind teilweise sehr aufschlussreich. Das reicht von Zuschauern, die sich fragen, was die Produktion wohl kostet, bis zu einzelnen, die meine Art der Umsetzung konkret kritisieren. Dabei bin ich für konstruktive Kritik immer sehr, sehr dankbar. Bei solchen Projekten gibt es wenig Wertvolleres als eine ehrliche, sachlich Rückmeldung. Im Verlauf der Produktionen hat sich mein Stil verändert. Einiges gefällt mir persönlich heute besser als zu Beginn. Das war aber nur durch gute Kritiker möglich. Danke!

Manche kritisieren dabei aber auch extrem unsachlich. Die Anonymität des Internets bietet dafür viele Möglichkeiten. Und auch dabei kommt es nicht auf behindert oder nicht an. Seit dieser Erfahrung gehe ich selbst viel bewusster mit Kritik als solcher, meiner eigenen Kritikfähigkeit und meiner Art andere zu kritisieren um. Ohne das dicke Fell geht’s also nicht. Wenn es aber zu dick wird, läuft man Gefahr, die guten Kritiker nicht mehr zu hören. Das wäre schade!! Deshalb würde ich mir wünschen, dass Personen in der „großen und kleinen Öffentlichkeit“ für manche nicht automatisch zum Abschuss freigegeben sind. Mimimi 🙂 Aber alles in allem: DANKE!!!

Danke Laura für diese interessanten Einblicke!

Foto: Laura M. Schwengber hält zwei Daumen in die Luft
Copyright: NDR, S. Wessel

Hier geht es übrigens zu Lauras Homepage: www.lauramschwengber.de

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Logo: Gemeinsam stark

Mit diesem Beitrag nehme ich an den #GemeinsamStark-BloggerThemenTagen von Quergedachtes vom 06. bis zum 08. Dezember 2013 teil.


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